Archiv fü Dezember, 2006

Gerade stehe ich in der Küche und bereite Ofenkartoffeln vor. Aus irgendwelchen Gründen müssen die angeblich vorher durchlöchert werden – was ich immer mit Hilfe einer Gabel, sehr viel Schwung und voller Inbrunst tue.

  • Könntest Du bitte wenigstens die Augen aufmachen, wenn Du schon so auf die Kartoffeln einhackst?
  • Aber ich will das doch nicht mit ansehen müssen, wenn sich die Zinken in meinen Handballen bohren!
  • Vielleicht sinkt die Wahrscheinlichkeit, wenn Du guckst, wo Du die Gabel hinrammst?

Ich habe es versucht, wirklich. Dieser Logik konnte ich mich ja kaum verschließen. Aber es ist ein Reflex – sobald ich aushole und zusteche, kneife ich automatisch die Augen zusammen. Ich bin mal gespannt, wie lange das noch gut geht.

Und sollte es doch mal schief gehen, möchte ich bitte liebevoll wiederbelebt und verarztet werden – und mir keine Sprüche à la “ich hab dich gewarnt!” anhören müssen.

“Da geht es ja um [zegs]“, (Lautschrift muss sein, zwecks Authentizität) sagt die ältere Dame zu mir und drückt mir mit mehr als angewidertem Gesichtsausdruck ein Buch in die Hand, “das muss ich umtauschen. [zegs], also wirklich!” Geschockt nehme ich ihr das Buch ab, um zu schauen, welcher Schweinskram sie so aus der Fassung gebracht hat. Ah ja, ein Aufklärungsbuch. Und von eben jener Kundin bestellt, da wir es nicht auf Lager hatten.
Nun sind solche Bestellungen (sofern sie nicht “zur Ansicht” sind) verbindlich, auch wenn das nur in den seltensten Fällen ein Problem ist und wir diese Bücher meist trotzdem umtauschen. Aber ein kleiner Wink kann ja nicht schaden, weshalb ich die Kundin frage, ob es denn nicht der Titel gewesen sei, den sie haben wollte. Sogleich zückt sie einen Verlagsprospekt und zeigt mir besagtes Buch mit einem dicken Kreuz daneben. “Das hätte mir doch jemand sagen müssen, dass da [zegs] drin ist!”
Noch griene ich in mich hinein und frage mich, was sie bei einem Aufklärungsbuch erwartet hat. “Das kann man doch keiner 12-jährigen geben, mit [zegs] drin!” Da sie sich immer noch an dem Verlagsprospekt festhält, zeige ich ihr die Altersangabe des Verlages: “Ab 12″.

Diese Altersangaben sind ja immer so eine Sache und meistens gerade mal als Richtlinie zu bewerten, was aber die wenigsten Kunden wirklich interessiert – wenn es denn so gedruckt steht, ist es automatisch das Nonplusultra, ungeachtet der Tatsache, dass man sicherlich nicht alle Kinder und Jugendliche über einen Kamm scheren kann.

In diesem speziellen Fall aber scheitert mein Plan, mich über diesen Hinweis aus der Affäre zu ziehen: “Ich habe mir das Buch angeguckt, das ist voller [zegs], das kann ich doch nicht einem 12-jährigen Mädchen zu lesen geben!” – “Wollten Sie denn kein Aufklärungsbuch?” – “Doch, ja, aber doch nicht mit [zegs]!” Ich kann mich nicht länger zurückhalten und empfehle ihr, doch mal einen Blick in die Nachrichten zu werfen, wie viele 12-jährige regelmäßig Mutter werden, weil sie nicht ordentlich aufgeklärt worden sind. Das ist vielleicht stark vereinfacht, trifft aber wohl den Kern der Sache.
“Natürlich ist das Mädchen schon von seinen Eltern aufgeklärt worden!” Ohne [zegs]? Ich denke an Bienchen und Blümchen und beschließe, ab sofort meinen Mund zu halten, damit die Kundin nicht völlig den Glauben an die Menschheit verliert und mich womöglich für verdorben hält.

Also tausche ich ihr das böse Buch gegen ein anderes um – gegen einen Pubertätsroman, den sie im gleichen Verlagsprospekt markiert hat und in dem es um Themen wie Jungs und die erste Liebe geht. Ich bin mal gespannt, wann sie den umtauscht – oder an die Seite legt, bis das Mädchen volljährig ist.

Um es mit den Worten meines Biologen zu formulieren: “Na ja, mit [zegs] Leuten fände ich das auch ziemlich schmutzig.”

Die Rechnung

27.12.06

Nichts knirscht so schön zwischen den Zähnen wie Heilerde. Und ich habe gerade eine Art Déjà-vu – habe ich doch Silvester vor zwei Jahren wimmernd auf dem Sofa verbracht, nur um im neuen Jahr als erstes zur Magenspiegelung antreten zu dürfen (wobei das Beruhigungsmittel wirklich spitze war und mir drei Stunden Dauerkichern beschert hat).

Also habe ich jetzt vier Tage Zeit, meinen Magen mit Schonkost zu verhätscheln. Ich geh dann mal Möhren stampfen, und weil ich ungern allein leide, bekommen die Katzen auch eine Portion kredenzt, ha.

xmas

Ich wünsche Euch ein wundervolles Weihnachtsfest!

Finale

23.12.06

Es ist vollbracht. Das diesjährige Weihnachtsgeschäft (und womöglich mein letztes) ist gelaufen. Und ich war heute nur immer wieder froh, dass ich nicht unter Platzangst leide. Bei einem Großteil der Kunden hatte ich den Eindruck, dass sie nicht nur einfach noch ein Buch auf den letzten Drücker brauchten, sondern heute noch eben schnell ihre kompletten Weihnachtseinkäufe mit einem Schlag erledigt haben.

Nur die verzweifelten Ehemänner haben mir dieses Jahr gefehlt, die waren deutlich unterrepräsentiert. Dafür glänzten manche Leute durch gnadenlose Unentschlossenheit:

  • Die beiden Bücher hätte ich gern als Geschenk.
  • Möchten Sie die einzeln oder lieber zusammen verpackt haben?
  • Getrennt, bitte… (Ich reiße zwei kleine passende Bögen Geschenkpapier ab und will gerade anfangen, die Bücher zu verpacken.) Ach, wissen Sie was, machen Sie doch lieber nur ein Päckchen, das sieht dann größer aus.
  • Okay. (Ich bin ein wenig irritiert angesichts dieser Argumentation, füge mich aber dem Wunsch der Kundin, lege die beiden Bögen beiseite und reiße einen neuen, größeren ab.)
  • Ach, wissen Sie was, ich hab’s mir überlegt – machen Sie doch lieber zwei daraus, das ist mehr zum Auspacken.
  • (Grrr.)

Und das während der Stichzeiten, in denen die Kunden fast bis auf die Straße standen und man sich in der Buchhandlung kaum noch bewegen konnte. Letztendlich lief es aber noch glimpflich ab – keine gebrochenen Rippen, keine blauen Augen und auch keine nachhaltig geschädigten Füße (was fast an ein Wunder grenzt, wenn man bedenkt, wie wir uns heute vor der Kasse und den Rollen mit dem Geschenkpapier gedrubbelt haben). Dafür ging die Zeit auch schnell rum – wenn man nur alle zwei Stunden dazu kommt, auf die Uhr zu schauen, wirkt sich das sehr positiv auf das Zeitempfinden auf.

Und jetzt werde ich mich auf dem Sofa lang machen, die Füße hochlegen und endlich (nach zehn Stunden Hunger) was essen. Und Bücher werden erst morgen wieder eingepackt, jawohl. Feierabend.

Marcus hat mir tatsächlich einen Schneeball an den Kopf geworfen. An den Kopf! Ts. Und von wegen Schneekügelchen – das war ganz eindeutig ein großer ausgewachsener Schneeball, sonst hätte er mich wohl kaum die letzten Tage außer Gefecht gesetzt. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen, das wäre ja gelacht.
Allerdings verstehe ich das Prinzip dieser Schneeballschlacht nicht so ganz – sollte ich mich nicht direkt beim Übeltäter selbst rächen und ihm noch eine ordentliche Ladung geballte Schneeflocken verpassen? Andererseits bin ich vor Weihnachten dann doch recht milde gestimmt – der Herr leidet bereits genug, dann will ich es mal darauf beruhen lassen.

Aber da ich nun schon meine liebevoll geformten, sorgfältig auf Steinchen und sonstigen Unrat untersuchten Schneebälle vor mir liegen habe und sie nur ungern dem Schmelztod überlassen möchte, bekommen nun der Herr Biochomiker, der Herr Axel und das Sternchen jeweils einen verpasst! *wusch*

Endspurt

19.12.06

An dieser Stelle ein kleiner, wirklich freundlich gemeinter Rat für alle die, die noch immer auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind: Finger weg von dem aktuellen Buch des Herrn Kerkeling! Nichts gegen das Buch (auch wenn ich es nicht gelesen habe), aber so, wie ich die Lage derzeit einschätze, wird das Buch eh schon in mindestens dreifacher Ausfertigung unter jedem Weihnachtsbaum zu finden sein. Und das ist wahrscheinlich noch untertrieben.
Und auch wenn das urplötzlich so gestiegene Interesse am Jakobsweg wirklich beeindruckend ist – es ist nicht das einzige lesenwerte Buch der Saison. Also bitte, ein wenig mehr Vielfalt wäre wünschenswert, auch im Namen derjenigen, die am Sonntag nicht mehrere Male das gleiche Geschenk auspacken wollen.

Und gleich noch ein Hinweis, weil’s so schön ist: Liebe Kinder und Jugendliche, es ist sehr lobenswert, wenn ihr eurer Oma ein Buch zu Weihnachten schenken wollt. Wirklich, das freut mich. Trotzdem: “Ich brauche ein Buch für meine Oma, die ist 60, was lesen Frauen in dem Alter denn so?” – Ein paar Zusatzinformationen wären hilfreich. Auch wenn es in einem gewissen Alter “in” zu sein scheint, im Einheitslook aufzutreten und bloß nicht aus der Masse hervorzustechen – der Lesegeschmack lässt sich nicht allein (wenn überhaupt) am Alter festmachen. Und der durchschnittliche Buchhändler kann auch leider nicht hellsehen. Gut, man könnte es sich einfach machen und euch das Buch vom Kerkeling in die Hand drücken, aber das bekommt die Oma ja eh schon von mindestens drei anderen Leuten geschenkt (und euer Budget sprengt es sicherlich auch).
Also am besten einfach mal die Eltern, Tanten und Onkel fragen – oder vielleicht selbst überlegen, was die Oma für Interessen hat. Und (fast) jede Oma hat irgendwelche Interessen. Selbstverständlich wird euch kein Buchhändler mit leeren Händen gehen lassen, irgendein nettes, unterhaltsames Buch findet sich immer, aber man könnte die Oma ja auch mal positiv überraschen. Nur mal so am Rande.

Meine Befürchtungen hatten sich in dem Moment bestätigt, als mich meine Kollegin heute mit den Worten “Willkommen in der Hölle” begrüßte. Dabei kann ich mich noch glücklich schätzen, da ich das Theater wenigstens nicht jeden Tag von morgens bis abends mitmachen muss. Wohl auch aus dem Grund mag ich das Weihnachtsgeschäft sogar – es kommt definitiv keine Sekunde lang Langweile auf, die Schicht geht in Nullkommanichts rum, und man bekommt selten so viele schräge Vögel auf einmal zu Gesicht.
Und die Erschöpfung macht sich bei mir zum Glück auch erst in dem Moment bemerkbar, wenn ich daheim angekommen bin und erst einmal tief durchatme und die Füße hochlege. Bis dahin ist die Anspannung einfach zu groß, es fehlt schlichtweg die Zeit, um in sich hineinzuhorchen und zu überlegen, ob man müde ist oder nicht. Dabei habe ich es heute noch nicht einmal geschafft, auch nur einen Schluck Kaffee zu trinken – ohne es überhaupt zu merken.

Ja, irgendwie macht es fast schon Spaß, das Weihnachtsgeschäft, zumal es zeitlich begrenzt und ein Ende immer schon in Sicht ist. Und auch die Kunden waren heute richtig nett und vor allem unkompliziert, bis auf zwei Ausnahmen, die es aber dafür in sich hatten.
Und das sind immer genau die, denen einfach nicht zu helfen ist. Die zum Beispiel einen skandinavischen Krimi haben wollen, “aber bitte einen ohne Kitsch” (kein Problem, skandinavische Krimis sind von Natur aus eher trostlos und düster als kitschig), dann aber zielstrebig nach einem Buch mit bunten Schmetterlingen auf dem Cover greifen. Oder die, die die Qualität eines Buch allein vom Rang auf der aktuellen Bestsellerliste abhängig machen – und wehe, man wagt es, ihnen was anderes empfehlen zu wollen.

Sie werden mir fehlen, die Kunden, wirklich. (Aber über den nahenden Abschied mache ich mir erst nach Weihnachten Gedanken, nicht jetzt.)