Das Jahr ist noch keine drei Wochen alt, und schon habe ich angefangen, meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Na gut, eigentlich war es kein richtiger Vorsatz, mehr so ein halbherziges Ich-könnte-ja-vielleicht-bei-Gelegenheit-mal, aber so funktioniert das bei mir erfahrungsgemäß am besten. Aber zurück zum Wesentlichen: Sport. Ja, ich habe mich gestern sportlich betätigt, und auch wenn meine Glaubwürdigkeit nun in Mitleidenschaft gezogen zu werden scheint – der Muskelkater in meinen Oberschenkeln sei mein Zeuge.
Dabei ist das so eine Sache, mit dem Sport und mir. Für eine tiefergehende Beziehung sind wir definitiv nicht geschaffen, zwanglos muss es sein. Eine lockere Affäre, alles kann, nichts muss, dann harmonieren wir ganz wunderbar miteinander. Deshalb hat es auch damals in der Schule nicht mit uns funktioniert, ich fühlte mich bedrängt, unter Druck gesetzt und meines freien Willens beraubt.
Der Tiefpunkt war erreicht, als ich mich allen Widrigkeiten zum Trotz doch mal richtig in die Beziehung einbringen wollte und das erste und bislang auch einzige Tor meines Lebens geschossen habe. Minutenlang war ich überwältigt, von tiefer Zuneigung erfüllt, bereit, mich dem Sport nun voll und ganz hinzugeben, bis ich feststellte, dass ich mich alleine freute. Es war ein Eigentor und damit das Ende dieser nur kurz, aber heftig entbrannten Leidenschaft.
Von da an waren der Sport und ich uns spinnefeind. Bei den Bundesjugendspielen bin ich entweder gleich krank gewesen oder spätestens zu Beginn der zweiten Runde umgeknickt – Verweigerung auf der ganzen Linie. Kuppelei war mir schon immer zuwider.
Erst auf freiwilliger Basis lernte ich, mich zu öffnen und wieder Zuneigung zu fassen, langsam, aber sicher – in einem Badminton-Verein. Endlich ein Ball, der von mir nicht als potentielle Gefahr wahrgenommen wurde, nur dass die anderen nicht mit ähnlicher Begeisterung dabei waren und sich die Gruppe deshalb irgendwann auflöste.
Es folgten die Jahre, in denen ich das Eis für mich entdeckte, das Eis und die Musik und den türkisfarbenen Lidstrich, der kurz vor dem Eislaufen noch schnell heimlich aufgetragen wurde. Doch auch diese Beziehung schlief irgendwann ein – ich war jung und wankelmütig und noch nicht bereit, mich ewig zu binden.
Später gab ich mich einer kurzen, aber heftigen Affäre mit Capoeira hin, die aber daran scheiterte, dass dieser Sport finanziell zu anspruchsvoll war und ich ihn irgendwann nicht länger aushalten konnte. Wir mussten uns trennen, auch wenn ich noch heute mit Wehmut an ihn zurückdenke.
Und dann war da das Laufen. Anfangs mochte ich es gar nicht, es war mir schon aufgrund der kurzen Begegnungen in der Schule völlig unsympathisch. Aber ich war bereit, ihm eine zweite Chance zu geben, und siehe da – auf einmal verstanden wir uns ganz wunderbar. Es spornte mich zu neuen Höchstleistungen an, verlangte mir mehr ab als jeder Sport zuvor, trieb mich zum Äußersten und schaffte es tatsächlich, mich glücklich zu machen. Drei Stelldicheins die Woche, an einem Fluß, in der freien Natur, Erschöpfung, Befriedigung und das Wissen, den richtigen Sport für mich gefunden zu haben.
Irgendwann holte uns der Alltag ein – es fehlte die Zeit, ich zog um und verlor ihn aus den Augen. Vergessen konnte ich ihn jedoch nie, und auch wenn ich mich vorerst mit einem Ergometer trösten muss, so bin ich sicher, dass wir schon bald wieder zueinander finden werden. Denn wir sind füreinander bestimmt, da bin ich sicher (auch wenn ich nicht ausschließen kann, ihm irgendwann mal mit dem Fechten fremdzugehen).