Archiv fü Januar, 2007

Adieu

30.01.07

Das war er also, der Abschied aus der Buchhandlung, die mir in den letzten siebeneinhalb Jahren ein ständiger Begleiter war. Wider Erwarten habe ich mich tapfer gehalten, erst in der letzten halben Stunde war es dann um meine Fassung geschehen. Aber nach so langer Zeit lasse ich mich nicht mehr so einfach aus der Bahn werfen – ab ins Büro, die Wimpertusche da weggetupft, wo sie nicht hingehört, und wieder zurück, die Kunden mit Lesestoff versorgen.
Die letzten beiden Bücher, die ich (zumindest vorerst) offiziell und erfolgreich empfohlen habe: Zusammen ist man weniger allein von Anna Gavalda und Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro. Und das von Herzen und mit Tränen in den Augen.

Zum Schluß stand ich vor der Wahl, mich von jedem Winkel und jedem Buch einzeln zu verabschieden oder die Flucht zu ergreifen – ich habe mich für Letzteres entschieden und die Buchhandlung püntklich zum Feierabend fluchtartig verlassen, statt sie zum Abschied noch unter Wasser zu setzen.
Damit hat es noch Zeit, bis ich dieses Ende eines mehr als alles andere prägenden Lebensabschnitts wirklich realisiert habe – und davon bin ich noch weit entfernt. Ich hasse es, Abschied zu nehmen.

Was nicht heißen soll, dass es hier nicht auch in Zukunft noch genug Anekdoten aus dem Bereich zu lesen geben wird – siebeneinhalb Jahre Buchhandeln bieten mehr als genug Material.

Und aus gegebenem Anlass läuft im Hintergrund Sunday Bloody Sunday von U2.

Wir sind an sich sehr kulant, wenn es darum geht, Bücher umzutauschen. Das heißt, dass wir bis auf wenige Ausnahmen fast jedes bei uns erworbene Buch problemlos und oft auch ohne Beleg umtauschen.
Wenn eine Kundin aber versucht, ein Buch bei uns umzutauschen, das ganz eindeutig nicht bei uns gekauft wurde (klar erkennbar an dem großen Aufkleber einer anderen Buchhandlung), dann finde ich das schon recht dreist. Man sollte meinen, dass sie wenigstens versucht hätte, daheim den Aufkleber zu entfernen, aber mitnichten.

Nun ja, weil wir den fraglichen Titel auch im Sortiment haben und der Kundin entgegenkommen wollten, haben wir uns bereit erklärt, das Buch trotzdem umzutauschen – gegen einen Gutschein, ein Angebot, das sie auch sofort begeistert annahm. Bis ich dann allein mit ihr an der Kasse stand – die Kollegin, die ich zwecks Rückversicherung um Rat gefragt hatte, hatte sich bereits anderen Aufgaben zugewandt.
Tja, und soviel zum Thema Begeisterung und Kulanz, auf einmal hieß es, so “ganz unter uns” natürlich, ich solle ihr doch das Geld in bar auszahlen, mit einem Gutschein wüsste sie nichts anzufangen.

Gut zu wissen, dass ich offensichtlich so viel Naivität ausstrahle, aber diese Masche wollte ich ihr dann doch nicht durchgehen lassen. Hoffentlich wird sie mit dem Gutschein glücklich – wahrscheinlich genau so lange, bis sie versucht, ihn in einer anderen Buchhandlung gegen Bargeld umzutauschen.

Geistreiches

27.01.07

Ach ja, fast hätte ich es schon wieder verdrängt vergessen: 2007 ist tatsächlich das Jahr der Geisteswissenschaften – wenn das mal kein Zeichen ist.

Dazu passend das Quiz zum Jahr der Geisteswissenschaften, bei dem ich immerhin zehn von elf Fragen richtig beantworten konnte. Ob ich mir das irgendwo anrechnen lassen kann? Auf jeden Fall bin ich jetzt hochmotiviert, mich für den Rest des Tages Nachmittags hinter meine Bücher zu verkrümeln und fleißig zu sein – man will ja schließlich seinen Beitrag leisten. Hust.

Da in dem Fall wirklich Aufklärungsbedarf zu bestehen scheint: Es gibt Buchhandlungen, und es gibt Büchereien. Und es gibt unter anderem einen wesentlichen Unterschied: In der Buchhandlung kann man Bücher kaufen, in der Bücherei ausleihen.

Wenn der ein oder andere Kunde sich dieses kleinen, aber feinen Unterschieds nicht bewusst ist, helfe ich gerne weiter, wenn ich aber im Fernsehen einen Bericht über eine Buchhandlung sehe und dabei ständig von “der Bücherei” die Rede ist, sträuben sich mir wirklich die Nackenhaare.

Es lebt

22.01.07

Es gibt kaum etwas Ekelhafteres als ausgelaufene Multivitamin-Bonbons. Und das in meiner guten italienischen Ledertasche. Und das seit Monaten unbemerkt. Ich glaube, sie haben sich sogar vermehrt. Oder sind zu Schleimpilzen mutiert.

Vision

21.01.07

vision

Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

Edgar Allan Poe

Das Jahr ist noch keine drei Wochen alt, und schon habe ich angefangen, meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Na gut, eigentlich war es kein richtiger Vorsatz, mehr so ein halbherziges Ich-könnte-ja-vielleicht-bei-Gelegenheit-mal, aber so funktioniert das bei mir erfahrungsgemäß am besten. Aber zurück zum Wesentlichen: Sport. Ja, ich habe mich gestern sportlich betätigt, und auch wenn meine Glaubwürdigkeit nun in Mitleidenschaft gezogen zu werden scheint – der Muskelkater in meinen Oberschenkeln sei mein Zeuge.

Dabei ist das so eine Sache, mit dem Sport und mir. Für eine tiefergehende Beziehung sind wir definitiv nicht geschaffen, zwanglos muss es sein. Eine lockere Affäre, alles kann, nichts muss, dann harmonieren wir ganz wunderbar miteinander. Deshalb hat es auch damals in der Schule nicht mit uns funktioniert, ich fühlte mich bedrängt, unter Druck gesetzt und meines freien Willens beraubt.
Der Tiefpunkt war erreicht, als ich mich allen Widrigkeiten zum Trotz doch mal richtig in die Beziehung einbringen wollte und das erste und bislang auch einzige Tor meines Lebens geschossen habe. Minutenlang war ich überwältigt, von tiefer Zuneigung erfüllt, bereit, mich dem Sport nun voll und ganz hinzugeben, bis ich feststellte, dass ich mich alleine freute. Es war ein Eigentor und damit das Ende dieser nur kurz, aber heftig entbrannten Leidenschaft.

Von da an waren der Sport und ich uns spinnefeind. Bei den Bundesjugendspielen bin ich entweder gleich krank gewesen oder spätestens zu Beginn der zweiten Runde umgeknickt – Verweigerung auf der ganzen Linie. Kuppelei war mir schon immer zuwider.
Erst auf freiwilliger Basis lernte ich, mich zu öffnen und wieder Zuneigung zu fassen, langsam, aber sicher – in einem Badminton-Verein. Endlich ein Ball, der von mir nicht als potentielle Gefahr wahrgenommen wurde, nur dass die anderen nicht mit ähnlicher Begeisterung dabei waren und sich die Gruppe deshalb irgendwann auflöste.
Es folgten die Jahre, in denen ich das Eis für mich entdeckte, das Eis und die Musik und den türkisfarbenen Lidstrich, der kurz vor dem Eislaufen noch schnell heimlich aufgetragen wurde. Doch auch diese Beziehung schlief irgendwann ein – ich war jung und wankelmütig und noch nicht bereit, mich ewig zu binden.
Später gab ich mich einer kurzen, aber heftigen Affäre mit Capoeira hin, die aber daran scheiterte, dass dieser Sport finanziell zu anspruchsvoll war und ich ihn irgendwann nicht länger aushalten konnte. Wir mussten uns trennen, auch wenn ich noch heute mit Wehmut an ihn zurückdenke.

Und dann war da das Laufen. Anfangs mochte ich es gar nicht, es war mir schon aufgrund der kurzen Begegnungen in der Schule völlig unsympathisch. Aber ich war bereit, ihm eine zweite Chance zu geben, und siehe da – auf einmal verstanden wir uns ganz wunderbar. Es spornte mich zu neuen Höchstleistungen an, verlangte mir mehr ab als jeder Sport zuvor, trieb mich zum Äußersten und schaffte es tatsächlich, mich glücklich zu machen. Drei Stelldicheins die Woche, an einem Fluß, in der freien Natur, Erschöpfung, Befriedigung und das Wissen, den richtigen Sport für mich gefunden zu haben.
Irgendwann holte uns der Alltag ein – es fehlte die Zeit, ich zog um und verlor ihn aus den Augen. Vergessen konnte ich ihn jedoch nie, und auch wenn ich mich vorerst mit einem Ergometer trösten muss, so bin ich sicher, dass wir schon bald wieder zueinander finden werden. Denn wir sind füreinander bestimmt, da bin ich sicher (auch wenn ich nicht ausschließen kann, ihm irgendwann mal mit dem Fechten fremdzugehen).

Die Karte ist heute angekommen. Echt jetzt.