Seit heute ist mein Biologe erstmals und ganz offiziell Kleinstadtbürger. Und auch wenn es leider keine Vermittlungsprämie gab, freut mich das doch sehr, da es sich bei besagter Kleinstadt nicht nur um ein Schmuckstück ihrer Art, sondern auch noch um meine Heimatstadt handelt.

Dabei wollte ich lange nichts mehr, als endlich diesem imaginären Kleinstadtmief zu entfliehen, selbst wenn der Schritt in die große weite Welt zunächst nur darin bestand, vom Kleinstadtgymnasium zur Privatschule in die benachbarte Großstadt zu wechseln. Den Preis, jeden Morgen eine Stunde früher aufstehen zu müssen, nahm ich zunächst gerne in Kauf, bis ich dann die Abende und Nächte für mich entdeckte, in denen die Großstadt mehr denn je lockte. Wie oft habe ich meinen abgeschiedenen Wohnort damals verflucht und meiner besten Freundin dafür gedankt, dass sie mir an den Wochenenden einen urbanen Schlafplatz bot, fußläufig vom Lieblingspub und gleichzeitigem Arbeitgeber erreichbar. Dass ich dadurch immer früh morgens nach getaner Arbeit durch den finstersten und für die ständigen Vergewaltigungen berühmten Park musste, tat meiner Begeisterung keinen Abbruch – ich war jung, bewaffnet und überhaupt unantastbar, die Großstadt war mein.

Und doch sollte die Kleinstadt auch nach dem Abi wieder mein Lebensmittelpunkt sein, dank meiner Ausbildung. In dieser Zeit lernte ich auch, dass Klatsch und Tratsch für eine Kleinstadt noch viel bezeichnender sind als die Abgeschiedenheit vom aufregenden Nachtleben. Jeder kennt jeden, jeder redet über jeden, und jeder weiß über jeden genauestens bescheid – wie oft war ich versucht, den Kunden eine Tasse Kaffee anzubieten, da sie die Buchhandlung ja so offensichtlich zu dem Ort auserkoren hatten, an dem man sich so vorzüglich austauschen konnte.

Und als ich dann während des Studiums erneut in einem Pub jobbte und mit den Widrigkeiten des nächtlichen ÖPNVs zu kämpfen hatte, trat der Biologe in mein Leben – und schon war wieder für einen mitten in der Großstadt gelegenen Schlafplatz gesorgt. Damit nicht genug, war nun endlich der Zeitpunkt gekommen, ganz in die Großstadt umzusiedeln, in der wir dann mehr schlecht als recht zweieinhalb Jahre gewohnt haben.

Es war wohl eben jene Distanz, die ich brauchte, um die Kleinstadt endlich schätzen zu lernen – und um aus freien Stücken und überglücklich zurückzukehren, mitsamt dem Biologen im Gepäck.
Heute genieße ich das Kleinstadtleben, auch wenn es sehr gewöhnungsbedürftig ist, im Supermarkt und auf der Straße jedes Gesicht zumindest vom Sehen her zu kennen. Aber es ist schön – die Ruhe, die Natur, die Seen… (Das Wort “Idylle” versuche ich mir bewußt zu verkneifen, um nicht völlig in den nostalgischen Kitsch abzurutschen.)

Und sollte die Großstadt doch ab und zu mal rufen, sind gleich mehrere davon innerhalb kürzester Zeit mit dem Auto zu erreichen.

6 Kommentare zu “Mädchen vom Land”

  1. biochomiker schreibt:

    Ohhh… Back to the roots! Das haeb ich mit meinem Umzug nach Mannheim ja auch quasi gemacht. Schließlich bin ich hier in der Ecke gebohren und habe auch die ersten 12 oder 13 Jahre hier in der Region gelebt.

  2. Nyxon schreibt:

    Wirkt sehr erfrischend, das neue Layout, gefällt mir sehr!

    Mich hat es ja auch aus der Kleinstadt in die Großstadt gezogen, der Ausbildung wegen. Nur, ich vermisse die Kleinstadt recht wenig. Immer, wenn ich für ein paar Tage zurück zu den Wurzeln fahre, fehlt mir etwas. Ich sehe dann, dass man in dieser Stadt nur zwei Dinge machen kann: entweder man fährt ein tiefer gelegtes Auto und versauert dort oder man gründet direkt eine Familie und zieht in die neuen Siedlungen. Beides will ich nicht.
    Aber wer weiß, was die Zukunft noch bringt, es gibt ja sehr schöne andere Kleinstädte…

    Kleinstadt also… Schade, es war igendwie ein netter Gedanke, dich um die Ecke zu wissen. Gott sei Dank hast du Theo nicht mitgenommen *fg*

  3. cosmomente schreibt:

    Klingt geradzu ideal und wunderbar glücklich :-) Ich freu mich für Dich!

    OT: Das neue Design sieht auch wieder so hübsch aus, vor allem die weissen Blüten da unten habens mir angetan

  4. Sternchen schreibt:

    Mir auch, Cosmo, mir auch :mrgreen:

    Ich liebe das Leben in der Kleinstadt. Das Studieren in der Großstadt hat mich oft zermürbt, war froh, wenn ich den Zug gen Heimat, gen Rückzugsort besteigen konnte. Habe lieber bis zu 2 Stunden Pendeln in Kauf genommen, als dort hin zu ziehen.
    Und solange ich nicht arbeite, wo ich wohne, ist es gut. Viereinhalb Jahre waren genug. Es hatte bzw hat noch heute seine schönen Seiten, aber ich genieße es auch, nur ab und an auf Kinder/Jugendliche zu treffen, mit denen ich gearbeitet habe, statt ständig jemanden zu treffen, egal wohin ich mich drehe…

  5. ericpp schreibt:

    Ich sehe inzwischen meine ländliche Heimat auch in einem anderen Licht als zu der Zeit, als ich dort weggezogen bin.
    Eine Rückkehr kommt trotzdem nicht in Frage – denn Arbeit gäbs da für mich weit und breit nicht.

  6. a life less ordinary » Landleben - Binas Blog schreibt:

    [...] ehrlich – ich lebe furchtbar gerne auf dem Land. Wieder und immer noch. Ich liebe es, vom Sofa aus direkt auf den Wald gucken zu können, zu beobachten, wie er seine [...]

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