Ich werde es noch erleben, da bin ich mir sicher – dass irgendein Kunde trotz des riesigen Schildes direkt vor seiner Nase, auf dem gut lesbar “Wegen Inventur geschlossen” steht, die abgeschlossene Tür eintreten oder wahlweise demolieren wird.
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Eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland, kurz nach 18h:
Sagen Sie mal, hat es einen bestimmten Grund, dass Sie vor fünf Minuten die Tür abgeschlossen haben?
Wie gerne hätte ich die Kundin gebeten, mal in Ruhe über ihre Frage nachzudenken, vielleicht wäre sie ja irgendwann von alleine auf die Antwort gekommen – das aber dann bitte draußen!
(Und auch wenn es sich gerade nicht so anhören mag – ich liebe es, das Buchhandeln! Wie sehr ich es doch vermisst hatte.)
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Vorhin war ich bei einem kleinen, informellen Vorstellungsgespräch für einen Nebenjob, den ich gar nicht gesucht habe. Den ich ursprünglich wohl einfach aus Spaß an der Freude gemacht hätte, den ich jetzt aber unbedingt haben will. So schlecht mir vor dem Gespräch war, so aufgekratzt und optimistisch gestimmt war ich hinterher – das Gespräch war sehr locker, entspannt und nett, und meine anfängliche Anspannung war schon nach Sekunden verflogen.
Aber jetzt habe ich den Salat – was eigentlich nur eine nette Option war, getreu dem Motto “Warum eigentlich nicht?”, ist durch dieses Gespräch zu einem Traumjob mutiert.
In den letzten Stunden haben ich natürlich prompt wieder angefangen, an meiner positiven Interpretation des Gesprächs zu zweifeln, habe jede meiner Äußerungen hin- und hergedreht und überlegt, welche davon vielleicht doch keinen so guten Eindruck gemacht haben könnte.
Gleichzeitig lässt es mich hoffen, dass der potentielle Chef in spe mir sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, dass er mehr zu mir als zu der anderen Kandidatin tendiert, und dass er sich mich sehr gut in seinem Team vorstellen könnte.
Wenn doch jetzt nicht die Warterei auf den Anruf wäre … Ich hoffe bloß, dass er sich noch vor meiner Hochzeit nächste Woche meldet – sollte es eine Absage werden, würde ich es mir als Braut hoffentlich nicht ganz so zu Herzen nehmen.
Natürlich bin ich für jeden gedrückten Daumen sehr dankbar!
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Endlich. Buchmesse. Morgen. Ich freue mich so – und ignoriere einfach mal standhaft, dass wir beide still und leise vor uns hin kränkeln.
Ist ja nicht so, als wäre ich nicht schon mal mit 39°C Fieber auf der Buchmesse gewesen. Pah, so leicht haut uns nichts aus den Puschen – vor allem lasse ich mir den Spaß nicht nehmen, dem Biologen endlich mal dieses Spektakel zu zeigen. Und schon jetzt schlägt mein Herz wieder höher – Bücher, überall nur Bücher …
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Das war er also, der Abschied aus der Buchhandlung, die mir in den letzten siebeneinhalb Jahren ein ständiger Begleiter war. Wider Erwarten habe ich mich tapfer gehalten, erst in der letzten halben Stunde war es dann um meine Fassung geschehen. Aber nach so langer Zeit lasse ich mich nicht mehr so einfach aus der Bahn werfen – ab ins Büro, die Wimpertusche da weggetupft, wo sie nicht hingehört, und wieder zurück, die Kunden mit Lesestoff versorgen.
Die letzten beiden Bücher, die ich (zumindest vorerst) offiziell und erfolgreich empfohlen habe: Zusammen ist man weniger allein von Anna Gavalda und Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro. Und das von Herzen und mit Tränen in den Augen.
Zum Schluß stand ich vor der Wahl, mich von jedem Winkel und jedem Buch einzeln zu verabschieden oder die Flucht zu ergreifen – ich habe mich für Letzteres entschieden und die Buchhandlung püntklich zum Feierabend fluchtartig verlassen, statt sie zum Abschied noch unter Wasser zu setzen.
Damit hat es noch Zeit, bis ich dieses Ende eines mehr als alles andere prägenden Lebensabschnitts wirklich realisiert habe – und davon bin ich noch weit entfernt. Ich hasse es, Abschied zu nehmen.
Was nicht heißen soll, dass es hier nicht auch in Zukunft noch genug Anekdoten aus dem Bereich zu lesen geben wird – siebeneinhalb Jahre Buchhandeln bieten mehr als genug Material.
Und aus gegebenem Anlass läuft im Hintergrund Sunday Bloody Sunday von U2.
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Wir sind an sich sehr kulant, wenn es darum geht, Bücher umzutauschen. Das heißt, dass wir bis auf wenige Ausnahmen fast jedes bei uns erworbene Buch problemlos und oft auch ohne Beleg umtauschen.
Wenn eine Kundin aber versucht, ein Buch bei uns umzutauschen, das ganz eindeutig nicht bei uns gekauft wurde (klar erkennbar an dem großen Aufkleber einer anderen Buchhandlung), dann finde ich das schon recht dreist. Man sollte meinen, dass sie wenigstens versucht hätte, daheim den Aufkleber zu entfernen, aber mitnichten.
Nun ja, weil wir den fraglichen Titel auch im Sortiment haben und der Kundin entgegenkommen wollten, haben wir uns bereit erklärt, das Buch trotzdem umzutauschen – gegen einen Gutschein, ein Angebot, das sie auch sofort begeistert annahm. Bis ich dann allein mit ihr an der Kasse stand – die Kollegin, die ich zwecks Rückversicherung um Rat gefragt hatte, hatte sich bereits anderen Aufgaben zugewandt.
Tja, und soviel zum Thema Begeisterung und Kulanz, auf einmal hieß es, so “ganz unter uns” natürlich, ich solle ihr doch das Geld in bar auszahlen, mit einem Gutschein wüsste sie nichts anzufangen.
Gut zu wissen, dass ich offensichtlich so viel Naivität ausstrahle, aber diese Masche wollte ich ihr dann doch nicht durchgehen lassen. Hoffentlich wird sie mit dem Gutschein glücklich – wahrscheinlich genau so lange, bis sie versucht, ihn in einer anderen Buchhandlung gegen Bargeld umzutauschen.
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Da in dem Fall wirklich Aufklärungsbedarf zu bestehen scheint: Es gibt Buchhandlungen, und es gibt Büchereien. Und es gibt unter anderem einen wesentlichen Unterschied: In der Buchhandlung kann man Bücher kaufen, in der Bücherei ausleihen.
Wenn der ein oder andere Kunde sich dieses kleinen, aber feinen Unterschieds nicht bewusst ist, helfe ich gerne weiter, wenn ich aber im Fernsehen einen Bericht über eine Buchhandlung sehe und dabei ständig von “der Bücherei” die Rede ist, sträuben sich mir wirklich die Nackenhaare.
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Gestern war es also soweit – ich habe meinen Ausstand gegeben. Zum Glück nicht an meinem endgültig letzten Arbeitstag, sonst wäre das sicherlich nicht so gesittet und ohne Heulen und Zähneklappern abgelaufen. Muffins an die Kolleginnen verteilt, abwechselnd im Lager Sekt gepichelt und versucht, die Fassung zu bewahren. Da es ansonsten eine ganz normale Schicht und eben auch (noch) nicht die letzte war, fiel mir das sogar erstaunlich leicht, bis ich dann Feierabend hatte – da war der Weg zum heulenden Elend nicht mehr weit.
Siebeneinhalb Jahre. Siebeneinhalb Jahre, die ich mit Leib und Seele als Buchhändlerin gearbeitet habe, als Auszubildende, kurz als Vollzeitkraft und die meiste Zeit als Nebenjob zum Studium. Buchhändlerin – das ist ein wesentlicher Teil meiner Identität, und sobald ich anfange, darüber nachzudenken, fühlt es sich an, als wolle man mir einen Teil meiner Selbst amputieren.
Deshalb denke ich nach Möglichkeit auch noch nicht darüber nach, übe mich im Verdrängen und versuche, mich auf das zu konzentrieren, was danach kommt. Und eins ist wohl sicher – es wird nur ein Abschied auf Zeit.
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