Ich unterbreche die Funkstille für eine wichtige Durchsage den ultimativen Kulturtipp:
Am kommenden Montag um 19.30h liest der wunderbare Mirko Kussin in der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund. Und das wird er wie immer ganz großartig tun.
Also, liebe Leser aus Dortmund und Umgebung, aus dem Ruhrgebiet, ach was, aus ganz NRW: Wenn Ihr erleben wollt, wie jemand nicht nur grandios mit Sprache und Worten umzugehen vermag, sondern diese seine Texte auch noch auf wahrhaft Gänsehaut erzeugende Weise zu transportieren versteht- dann solltet Ihr Euch am 04.05. in Dortmund einfinden!
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Mein Name ist Bina, und ich bin süchtig. Buchkaufsüchtig. Nun mag manch einer behaupten, das sei ja gar nicht schlimm und nichts, wofür man sich schämen müsste. Aber wenn es erst einmal so pathologisch ist wie bei mir, sollte man es nicht länger verniedlichen.
Diese Sucht kostet nicht nur jede Menge Geld und Platz, sie verursacht auch einen nicht zu unterschätzenden Druck. Wann soll ich all die Bücher nur jemals lesen? Wie soll ich ihnen nur je gerecht werden, ihnen die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen (oder auch nicht, was sich aber im Vorfeld nur schwer beurteilen lässt)?
Und ich bin an dem Punkt, dass ich diese Sucht kaum länger vor mir selbst rechtfertigen kann; es ist schon so weit gekommen, dass ich versuche, neu erworbene Bücher unauffällig in den eh schon überfüllten Regalen verschwinden zu lassen, nur um dem Biologen nicht erklären zu müssen, warum ich schon wieder zuschlagen musste. Und weil ich es für fatal halte, einer Sucht im Geheimen nachzugehen, werde ich ab sofort beichten. Hier.
Wenn ich erstmal jeden Buchkauf schriftlich begründen muss (wenn auch nur für mich selbst), gebe ich vielleicht nicht mehr so schnell nach. Und eigentlich sollte ich eh viel mehr über Bücher schreiben, aber das nur am Rande.
Zum Einstieg die Bücher, bei denen ich in den letzten Wochen schwach geworden bin. Leseexemplare nicht mitgezählt, die tragen wenigstens nicht zu meinem finanziellen Ruin bei.
- Die Brautprinzessin von William Goldman. Und damit habe ich mich gleich zu Beginn selbst übertroffen. Nicht nur, dass ich damit gegen meine eiserne Regel, keine gebundenen Bücher zu kaufen, verstoßen habe – ich hatte von diesem Titel bereits drei Ausgaben im Regal stehen. Aber ich bin schwach. Besonders morgens, wenn ich bei der Arbeit die neuesten Verlagslieferungen auspacke und auf einmal diese wirklich wunderhübsche Neuausgabe in Händen halte. Ich konnte nicht anders.
- Federkleid von Banana Yoshimoto. Nun ja. Eine neue Yoshimoto. Nicht zu vergessen meine Schwäche für Diogenes-Bücher. Und dann noch solche Sätze gleich auf der ersten Seite:
“Wohin man auch geht, in der Dunkelheit verfolgt einen das Rauschen des Flusses auf Schritt und Tritt. Überall in der Stadt gibt es große und kleine Brücken. Sie erzeugen einen bestimmten Rhythmus, sind wie Satzzeichen in die Flußlandschaft gesetzt, um die Leute immer wieder plötzlich vor dem Wasser innehalten und verweilen zu lassen. Nachts, wenn die Menschen schlafen, schlängelt sich der Fluß durch ihre Träume. Er hat sich tief in ihre Herzen gegraben und begleitet sie überallhin, egal, welche Wendungen das Leben nimmt.”
- Böse Schafe von Katja Lange-Müller. Ein Buch, das schon lange auf meiner Liste stand und nun endlich als Taschenbuch erschienen ist. Ich hatte mehrfach darüber gelesen, unter anderem hier, und ich mag gut geschriebene Liebesgeschichten, die aus dem Rahmen fallen (und die leider viel zu selten sind).
- Das Knistern in den Sternen von Jón Kalman Stefánsson. Einer dieser Titel, die mich förmlich anspringen und rufen: “Kauf mich, los, ich verspreche dich, hinter mir verbirgt sich etwas Besonderes.” Und ein Autor, der bei meinem Chef wahre Begeisterungsstürme auslöst, und das will was heißen. Ich bin gespannt.
- Quecksilber, Metaphysik der Röhren und Im Namen des Lexikons von Amélie Nothomb. Das dritte habe ich kürzlich beim Friseur fast in einem Rutsch gelesen. Die anderen beiden warten auf den richtigen Moment. Ich mag ihren Stil, minimalistisch und gleichzeitig von einer Wucht, die nachhallt. Und poetisch. Radikal. Wunderbar.
- Seestücke von James Hamilton-Paterson. Eine Empfehlung meines Lieblingskollegen, nachdem ich beiläufig erwähnt hatte, wie sehr ich das Meer liebe. Und gut geschriebene Sachbücher sind eh viel zu selten. Also her damit.
- Divisadero von Michael Ondaatje. Auch hierfür ist mein Lieblingskollege verantwortlich. Der mir einerseits erzählt, dass sich diese Buchkaufsucht nach zehn Jahren Berufserfahrung legt (das wäre bei mir in wenigen Monaten soweit, soviel dazu), und mir andererseits das Leben nur noch schwerer macht, indem er mir ständig solche Bücher ans Herz legt. Und das mit einer Überzeugungskraft, dass ich nicht widerstehen kann. Das sieht dann so aus, dass ich zur Arbeit komme und das in der Zwischenzeit erschienene Buch schon für mich reserviert im Büro liegt. Also selbst wenn ich in Zukunft keine Neuerscheinungen mehr auspacken würde – ich habe so oder so verloren.
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Jules veranstaltet in ihrem Blog einen Bücherflohmarkt. Wäre ich auch nur annähernd so vernünftig und diszipliniert wie sie, hätte ich mir ein Beispiel an dieser feinen Aktion genommen und ebenfalls für den dringend benötigten Platz in meinen Bücherregalen gesorgt. Aber nein. Neugierig wie ich bin, musste ich doch unbedingt einen Blick auf die Liste werfen, womit auch gleich das Schicksal vier ihrer Bücher besiegelt war.
Zwei davon habe ich heute schon erhalten (besten Dank!) und sie gleich zu den geschätzten 50 anderen Büchern gepackt, die auf ein Wunder warten, um endlich irgendwo verstaut werden zu können. Es ist pathologisch. Gibt es eigentlich eine Selbsthilfegruppe für Fälle wie mich, die Anonymen Buchkaufsüchtigen oder so ähnlich? Wäre doch mal was.
Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte: Es gibt tatsächlich einige Bücher, die immer noch völlig zu Unrecht auf ein neues Zuhause warten – solltet Ihr also noch Platz haben, so könnt Ihr Euch von Jules eine bunt gemischte Liste verschiedenster Romane zuschicken lassen und bestimmt auch fündig werden (bevor ich auf die wahnwitzige Idee komme, selbst noch einmal zuzugreifen).
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Da ich die folgenden beiden Empfehlungen eh hier liegen habe, kann ich sie auch gleich im Blog verwursten – zumal ich die beiden Titel nicht umsonst für unseren diesjährigen Bücherbrief ausgewählt habe. Sie gehören zu den besten, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, und können so gar nicht genug Leser finden:
Adam Davies: Goodbye Lemon
Jahrelang hat Jack seine Familie gemieden, die Familie, die sich bis heute nicht mit dem Tod seines Bruders auseinandergesetzt hat, in der Schweigen herrscht.
Und es ist Schweigen, das Jack nun zurückkehren lässt, das unfreiwillige Schweigen seines Vaters nach einem Schlaganfall. Hier, im Kreis dieser zutiefst zerrütteten Familie, sucht Jack, der den Tod seines Bruders nie verwunden hat, nach Antworten – und stellt zugleich sein bisheriges Leben in Frage.
So tragisch diese Familiengeschichte ist, so wunderbar unkonventionell, ironisch und vor allem authentisch wird sie erzählt.
Pointiert, aber nie aufdringlich, leicht, aber mit viel Gespür für die leisen, zwischenmenschlichen Töne – so widmet sich Adam Davies auf seine unvergleichliche Art den zentralen Themen Familie, Tod, Liebe und Vertrauen, ohne dass der Leser je weiß, ob er nun weinen oder lachen soll.
Carole Glickfeld: Herzweh
New York in den 50er Jahren: Chenia, Mitte vierzig, Hausfrau und Mutter, bekommt trotz ihrer Versuche, eine Fehlgeburt auszulösen, noch ein drittes Kind – Devorah. Und nichts bleibt, wie es war.
Bislang in einer freudlosen Ehe gefangen, ungebildet und dafür umso mehr im jüdischen Aberglauben verwurzelt, beginnt Chenia zu ahnen, dass das Leben womöglich doch mehr für sie bereithält. Und so macht sie sich auf, sich selbst und ihre Möglichkeiten zu entdecken – während es zugleich den von finanziellen Sorgen und ihrem untreuen Mann geprägten Alltag zu bewältigen gilt. Nicht zu vergessen die aufgeweckte Devorah, die ihre Mutter vor immer neue Herausforderungen stellt.
Devorah ist es auch, die die Geschichte ihrer Mutter erzählt, warmherzig, menschlich und mit viel Sinn für die kleinen Höhen und Tiefen, die das Leben so einzigartig machen und auch den Leser nicht mehr loslassen.
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Und das Warten hat ein Ende …

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Emily und Fräulein Anna haben mich mit einem Stöckchen bedacht, das ich nur zu gerne bearbeite:
- Nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten.
- Schlage Seite 123 auf.
- Suche den fünften Satz auf der Seite.
- Poste die nächsten drei Sätze.
- Wirf das Stöckchen an fünf Blogger weiter.
Also. Bei dem Buch, das vor mir auf dem Tisch liegt, bereit für ein paar wunderbare Lesestunden am Wochenende, handelt es sich um Mit brennender Geduld von Antonio Skármeta. Und ich weiß jetzt schon, dass diese Lesestunden so wunderbar werden, weil mir dieses Buch von meiner Freundin ans Herz gelegt worden ist, die ebenfalls Buchhändlerin ist – es hatte fast schon etwas von einem Rollenspiel, als ich vor ihr in der Buchhandlung stand und um eine Beratung bat.
Und der Blick auf Seite 123 reicht bereits, um ihr zutiefst dankbar zu sein. Und ich muss schummeln, ich kann einfach nicht anders – ich beginne mit dem zweiten Satz:
Zwölf Sekunden nach dieser Prophezeiung, als die Lauscher aller nüchternen, weniger nüchternen und schon bewußtlosen Gäste, wie von einem riesigen Magneten angezogen, auf die Küche gerichtet waren und Alarcón und Guzmán so taten, als müßten sie ihre verschwitzten Handflächen an ihren Hemden trockenreiben, bevor sie in zitternde Begleitmusik einfielen, durchbrach Beatriz’ Orgasmus die sternenklare Nacht mit einem solchen Akkord, daß sogar die Paare in den Dünen davon inspiriert wurden (”Einmal so einen”, flehte die Touristin den Telegrafisten an), die Witwe indes brandrote Ohren bekam und dem Herrn Pfarrer, der schlaflos in seinem Kirchturm lag, die Worte entfuhren: “Magnificat, staba, lingua, dies irae, benedictus angelus, kyrie eleison.”
Nach dem letzten Jauchzer schien die ganze Nacht feucht zu werden, und die danach folgende Stille hatte etwas Stürmisches und Beunruhigendes.
Antonio Skármeta: Mit brennender Geduld
Hach. Welch Kleinod. Das ist Literatur. Und ich beschränke mich auf zwei Empfänger des Stöckchen – Amy und Okavanga, Ihr habt doch bestimmt ein Buch in Reichweite!
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Es war einmal ein Junge, der liebte ein Mädchen, und ihr Lachen war eine Frage, mit deren Beantwortung er sein ganzes Leben verbringen wollte.
Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe
Es sind Sätze wie dieser, für die ich Bücher so liebe.
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Das inzwischen vierte Buch von Haruki Murakami, das ich gelesen habe, und wieder frage ich mich, warum ich mich jedesmal so schwer damit tue, ein Buch von ihm in die Hand zu nehmen.
Murakami gehört zu meinen erklärten Lieblingsautoren, und trotzdem schrecke ich immer wieder vor seinen Romanen zurück, wenn ich auf der Suche nach neuem Lesestoff vor meinem Bücherregal stehe. Und wenn ich mich dann doch überwinde, mir in Erinnerung an das letzte Leseerlebnis einen Ruck gebe, bin ich letztlich immer wieder begeistert. Es ist ein Phänomen, dass ich bei mir nur von diesem Autoren kenne, und ich kann es mir nicht erklären. Vielleicht liegt es daran, dass man gerade bei seinen Romanen voll und ganz gewillt sein muss, sich auf die jeweilige Geschichte einzulassen, auf seine surreal anmutenden Welten und deren Geschöpfe. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.
Schon seit Monaten habe ich Kafka am Strand im Regal stehen – weil ich es unbedingt lesen will, weil ich mir sicher bin, dass es wieder ein Leseerfahrung der besonderen Art sein wird. Und trotzdem ist es bislang unberührt. Ich muss mich diesem Autoren und seinem Werk immer wieder aufs Neue vorsichtig annähern, nur um mich dann letztendlich doch wieder in seiner Sprache und der Atmosphäre zu verlieren.
Als Kompromiss habe ich diesmal zu Sputnik Sweetheart gegriffen – der Wiedereinstieg nach so langer Zeit erschien mir damit am einfachsten, da es ein recht dünnes Buch ist.
Und es ist der beste Beweis dafür, dass die Seitenzahl nichts, aber auch gar nichts über die Intensität eines Buches aussagt.
Für jeden von uns gibt es etwas ganz Besonderes, das sich ihm nur in einem bestimmten Augenblick als schwache kleine Flamme darbietet. Einige achtsame, vom Glück begünstigte Menschen hegen diese Flamme, bis sie groß genug ist, um ihnen wie eine Fackel den Lebensweg zu erhellen. Erlischt diese Flamme jedoch, können wir sie nie wieder entzünden. Ich hatte nicht nur Sumire verloren. Als sie verschwand, war auch die kostbare Flamme erloschen.
Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart
Murakamis Romane sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Doch wer magischen Realismus mag, intensive, teils verworrene, teils erschreckend klare Geschichten, dem sei auch diese ungewöhnliche Liebesgeschichte des japanischen Autors ans Herz gelegt.
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